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Frieder Wolf: Brief zum Antje Vollmer-Gespräch mit der ZEIT
vom 28.11.2007

Köln. Brief von Frieder Wolf an Antje Vollmer mit der Bitte um Weiterleitung an den AK Internationales. Das ZEIT-Gespräch vom 8. November 2007 hat Antje Vollmer auf ihrer eigenen Website dokumentiert.

Liebe Antje,

in wenigen Tagen wird ein Foto- und Essayband zum 60. Geburtstag von Petra Kelly erscheinen, der auch zahlreiche Beiträge politischer Weggefährten enthält. Du schreibst darin: „Als Petra Kelly vor 25 Jahren zum ersten Mal den Dalai Lama in den Deutschen Bundestag einlud, erntete sie dafür Spott, Kopfschütteln, mokante Bemerkungen. Als Angela Merkel ein Vierteljahrhundert später den Dalai Lama ins Kanzleramt einlud, wurde sie dafür sogar von der Bild-Zeitung gefeiert. Um ungefähr diese Zeitspanne eines großen politischen Unterschieds war Petra Kelly ihrer Zeit und ihren Zeitgenossen an Risikobereitschaft und politischem Mut voraus: Weit eher als das politische Establishment und auch die politische Linke erklärte sie die Menschenrechtsfragen zum Essentiell grüner Politik.” Ich habe mich sehr über diese Zeilen von Dir gefreut.

Umso unverständlicher liest sich dann Dein Gespräch in der ZEIT vom 8. November 2007, in dem Du eben diese Einladung des Dalai Lama als Fehler bezeichnest. Kann man über die politische Opportunität der Einladung noch unterschiedlicher Meinung sein – ich persönlich finde die Entscheidung der Bundeskanzlerin nach wie vor richtig -, haben mich Deine inhaltlichen Ausführungen zu Tibet schockiert.

Du diskreditierst eine Politik, die klare Worte findet, als „Reindröhnen von draußen mit den Weltmedien”. Da halte ich es lieber mit dem Böllschen „Einmischung erwünscht”. Die Erfahrungen im Umgang mit den realsozialistischen Regimen haben gezeigt, dass stille Diplomatie allein solche Systeme eher stabilisiert als schwächt, während Öffentlichkeit Verfolgten Schutz bietet und Freiräume schafft.

Du bemühst dann die Autobiographie des Dalai Lama, erwähnst seine Sympathien für den Kommunismus, die er in der Tat zum Teil hegte, unterschlägst aber, dass seine Begegnungen mit Mao Tse-tung in Peking nicht freiwillig, sondern unter den Bedingungen der gewaltsamen Besatzung Tibets durch kommunistische Truppen stattfanden und der Dalai Lama, folgt man seiner Autobiographie, früh begriff, dass durch die Okkupation nicht nur die politische Integrität, sondern auch die kulturelle und religiöse Identität Tibets auf dem Spiel standen. Damit sollte er, wie wir wissen, leider Recht behalten.

Gänzlich geschichtsklitternd wirst Du, wenn Du schreibst, der Dalai Lama sei „mit Hilfe zweier Brüder, die bei der CIA waren, außer Landes gebracht worden”. Flucht als Entführung durch die eigenen Leute – mit dieser Uminterpretation geschichtlicher Fakten stellst Du die Wahrheit auf den Kopf und verortest Täter und Opfer im selben Boot. Vom autochthonen tibetischen Aufstand und von der geplanten Entführung des Dalai Lama durch die chinesische Besatzungsmacht von Dir kein Wort. In Deinen Augen kann der Dalai Lama deshalb auch nur „eine Karte in einer amerikanischen Anti-China-Strategie” sein.

Wieso bedienst Du Dich plumper antiamerikanischer Ressentiments, die zurzeit zwar en vogue sein mögen, deswegen historisch aber nicht richtiger werden? Wieso wird der Kampf des Dalai Lama und der Tibeter um ihre Freiheitsrechte in Deiner Feder zur Vasallentätigkeit feindlicher amerikanischer Interessen? Und wieso folgst Du in der Tibet-Frage so offenkundig der offiziellen chinesischen Lesart? Ist es eine unreflektierte Nebenwirkung des Rechtsstaatsdialogs? Oder ein später Reflex Deiner maoistischen Vergangenheit, die nun ihre kruden Schatten wirft?

Die Beschwörung des US-Imperialismus ist die eine Facette. Die ideologisch motivierte Umschreibung geschichtlicher Tatsachen die andere. So wurde, um noch ein anderes Beispiel zu nennen, der Großteil der tibetischen Klöster von der VR China nicht erst in den Jahren der Kulturrevolution, sondern davor zerstört, nachzulesen z.B. in parlamentarischen Anfragen von Petra Kelly und der grünen Bundestagsfraktion.

Der Dalai Lama hat immer wieder öffentlich betont, dass es ihm bei der Tibetfrage nicht um sein persönliches Schicksal, sondern um das Selbstbestimmungsrecht seines Volkes geht. Dafür setzt er sich seit seiner Flucht nach Indien mit durchweg gewaltfreien Mitteln ein. Was aber, am Rande notiert, wird nach seinem Tod geschehen? Der gewaltfreie Widerstand des tibetischen Volkes verdankt sich nicht zuletzt der unbestrittenen moralischen Autorität, die der Dalai Lama bei seinem Volk genießt. Selbstverständlich ist er nicht. Verpasst die internationale Staatengemeinschaft einmal mehr den kritischen Moment, einen Konflikt zu lösen, bevor er gewaltsam eskaliert?

Die VR China unterstellt dem Dalai Lama wider besseres Wissen, er betreibe die Sezession Tibets. Die Keule des `Vaterlandsverrats´ schwingt sie nicht nur gegen ihn, sondern jeden, der den politischen Dialog mit ihm sucht. Dabei hat sich der Dalai Lama schon längst von der Idee einer staatlichen Unabhängigkeit Tibets verabschiedet. Stattdessen fordert er die tibetische Autonomie innerhalb des chinesischen Staatsverbands. 1988 hat er dieses Angebot in einer viel beachteten Rede vor dem Europäischen Parlament erstmals öffentlich unterbreitet. Auch die Trennung von Kirche und Staat haben die Tibeter im Exil übrigens längst vollzogen. Mehr noch: Sie haben sich eine demokratische Verfassung gegeben und sind nicht nur darin der Entwicklung der VR China voraus. Alle diese politischen Dimensionen blendest Du in Deinem Interview aus.

Ich spreche hin und wieder privat mit Vertretern der tibetischen Exilregierung, die an den offiziellen sino-tibetischen Gesprächen teilgenommen haben: Von Bewegung auf chinesischer Seite keine Spur! Wie könnte der Dalai Lama unter diesen Umständen ernsthaft daran denken, nach Tibet zurückzukehren? Hast Du vergessen, was mit dem damals sechsjährigen Panchen Lama geschehen ist, den die chinesische Regierung vor nunmehr 12 Jahren entführt hat? Haben die chinesischen Machthaber vielleicht Dir gesagt, wo sie ihn und seine Familie seit Jahren inhaftiert und versteckt halten? Hast Du nachgefragt?

Ohne internationale Öffentlichkeit wird sich in dieser Frage auf offizieller chinesischer Seite nichts bewegen – übrigens im Gegensatz zu manchen chinesischen Bürgerinnen und Bürgern, mit denen ich außerhalb offizieller Veranstaltungen über Tibet und den Dalai Lama sprechen konnte und die in ihm alles andere als einen „Renegaten” und Vaterlandsverräter sahen.

Ohne das Bemühen um Wahrhaftigkeit wird es keinen erfolgversprechenden deutsch-chinesischen Rechtsstaatsdialog und erst recht keinen sino-tibetischen Dialog geben. Recht kann nicht auf Schweigen, Unwahrheit und Unrecht gründen. Deshalb wird die VR China nicht umhin kommen, irgendwann – und hoffentlich nicht erst in weiter Zukunft – ihre eigenen historischen Verbrechen anzuerkennen. Tibet und Tiananmen mögen als Stichworte genügen.

Die Olympischen Spiele in Peking sind eine große Chance. Sie können der partiell durchaus beeindruckenden Liberalisierung und Modernisierung des Landes einen weiteren, nachhaltig wirkenden Schub geben. Sie lenken den Blick der Weltöffentlichkeit aber auch auf die vorhandenen Schattenseiten der VR China. Es wundert mich deshalb nicht, dass die Nervosität auf Seiten der chinesischen Regierung wächst. Umso mehr würde ich mich freuen, wenn auch Du die nötigen klaren Worte findest. Du würdest damit die notwendige Dialog- und Verhandlungsbereitschaft der chinesischen Seite gegenüber den Tibetern fördern und die reformbereiten Kräfte in der VR China stärken.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Frieder Wolf

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